
Arbeitszeugnis-Codes
Gibt es Zeugnis-Codes überhaupt?
Ja – aber anders, als viele glauben.
Die aufwertenden Codes, also Formulierungen wie „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“, gibt es natürlich weiterhin. Sie dienen dazu, sprachlich fein zwischen sehr guten und guten Leistungen zu differenzieren.
Wenn hier aber von „Zeugnis-Codes“ die Rede ist, meinen wir etwas anderes: die versteckten, negativ gemeinten Formulierungen, die früher genutzt wurden, um Kritik oder Distanz in wohlklingende Sätze zu verpacken – oft auch „böse Codes“ genannt.
Abwertungstechniken – heute eher selten
Ein Blick in die Fachliteratur zeigt: Viele Ratgeber widmen sich fast ausschließlich dem Entschlüsseln solcher „Codes“. In unserer Praxis als professionelle Zeugnisschreibende zeigt sich jedoch ein deutlich differenzierteres Bild:
- Die große Mehrheit der Arbeitszeugnisse wird in wohlwollender Absicht erstellt.
- Formulierungen der Note 5 kommen praktisch nicht mehr vor.
- Und die Angst vor „versteckten Gemeinheiten“ ist meist unbegründet.
Natürlich existieren Abwertungstechniken, aber ihre tatsächliche Bedeutung wird überbewertet. Die Zeugnissprache ist keine Geheimschrift, sondern ein sich wandelndes Kommunikationssystem, das rechtlichen, sprachlichen und gesellschaftlichen Veränderungen folgt.
Zeugnissprache im Wandel
Mit der Entwicklung der Arbeitswelt und der fortschreitenden Rechtsprechung hat sich auch das Notenspektrum in der Praxis verändert. Heute arbeiten wir mit vier klar unterscheidbaren Bewertungsstufen – von den Leistungsträgern bis zu den Mitarbeitenden mit Entwicklungsbedarf.
Dabei gilt unverändert das Wahrheitsgebot und das Wohlwollensgebot: Ein Zeugnis muss ehrlich sein, darf aber nicht schaden.
Die sogenannten „bösen Codes“ widersprechen diesem Prinzip und sind heute kaum noch tragfähig. Denn sie sind längst bekannt, rechtlich angreifbar und werden bei Bedarf erfolgreich beanstandet.
Veraltete Formulierungen – was heute nicht mehr geht
Phrasen wie
„war stets bemüht“,
„im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit“,
„zeigte bei der Einarbeitung Einsatz und Initiative“,
„Arbeitsleistung war nicht unerheblich“
stammen aus einer Zeit, in der das Wohlwollen oft nur sprachlich existierte. Heute gelten solche Formulierungen als überholt und wenig glaubwürdig.
In der Zeugnisfabrik verstehen wir Wohlwollen anders:
Wertschätzend, respektvoll und berufsfördernd, auch für Mitarbeitende mit durchschnittlichen Leistungen.
Denn Artikel 1 des Grundgesetzes erinnert uns daran, dass die Würde des Menschen unantastbar ist – auch im Sprachgebrauch eines Zeugnisses.
Auch Malperformer verdienen faire Formulierungen
Ein gutes Zeugnis zu schreiben ist leicht, wenn die Leistungen hervorragend sind. Die eigentliche Kunst beginnt bei jenen, die nicht immer überzeugt haben.
Auch diese Mitarbeitenden verdienen ein Dokument, das wahrheitsgemäß, aber respektvoll formuliert ist ohne „codierte“ Abwertungen oder spöttische Zwischentöne.
Darum gilt für uns:
Zeugnisse aus der Zeugnisfabrik sind ehrlich, klar und frei von doppelten Botschaften. Wir formulieren differenziert respektvoll und immer fair.
Wo „Codes“ heute noch vorkommen können
Auch wenn klassische Geheimformulierungen weitgehend verschwunden sind, gibt es nach wie vor sprachliche Feinheiten, die die Bewertung beeinflussen können.
1. Note 3 – neutral und schlicht
Formulierungen dieses Bewertungsgrads sind meist direkt und unverschlüsselt. Nur in seltenen Fällen begegnet man der Abwertungstechnik der „Umkehr der Reihenfolge“, etwa wenn „Kollegen und Vorgesetzte“ statt „Vorgesetzte und Kollegen“ genannt werden.
2. Note 4 – das „laute Schweigen“
Ist eine schwächere Bewertung gerechtfertigt, wird sie meist nicht ausformuliert, sondern durch gezieltes Weglassen einzelner Bewertungselemente signalisiert. Diese Technik ist juristisch zulässig und deutlich ehrlicher als verklausulierte Kritik.
3. Note 5 – praktisch ausgestorben
Formulierungen der Note 5 sind in modernen Zeugnissen kaum mehr anzutreffen. Sie würden gegen das Wohlwollensprinzip verstoßen und sind rechtlich angreifbar.

Beispiele für klassische Abwertungstechniken
| Technik | Beispiel | Bedeutung / Wirkung |
|---|---|---|
| Umkehr der Reihenfolge | „Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten“ statt „Vorgesetzten und Kollegen“ | Deutet Konflikte oder mangelnden Respekt an |
| Überbetonung von Selbstverständlichem | „Er nahm regelmäßig an Meetings teil“ | Herabstufung, da Banalitäten hervorgehoben werden |
| Verdopplung einer Aussage | „Seine Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit waren stets vorbildlich und zuverlässig“ | Ironische Wirkung, kann ins Gegenteil kippen |
| Doppelte Verneinung | „Seine Leistungen waren nicht unerheblich“ | Schwächung der Aussage um eine Note |
| Abschwächende Zusätze | „im Großen und Ganzen“, „im Rahmen seiner Möglichkeiten“ | Kennzeichnet Note 4 oder darunter |
| Übertreibung | „Er war immer in jeder Hinsicht außergewöhnlich hervorragend“ | Unglaubwürdigkeit, Verlust der Ernsthaftigkeit |
| Weglassen eines Kriteriums („lautes Schweigen“) | Bestimmte Bereiche werden gar nicht erwähnt | Indirektes Signal für Defizite |
Unsere Haltung: Klartext statt Code
In der Zeugnisfabrik haben wir uns bewusst für eine klare, wertschätzende Sprache entschieden. Wir nutzen keine doppelten Botschaften und verstecken keine Kritik zwischen den Zeilen.
Ein Zeugnis ist für uns kein Rätseltext, sondern ein Sprachportrait einer Person: präzise, glaubwürdig und respektvoll.
Auch durchschnittliche Leistungen verdienen faire Worte. Wohlwollen bedeutet bei uns nicht Verschleierung, sondern würdige Sprache.
